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"Emigrant"
Lorenzo Petrocca
Von Alexander Schmitz


"Was sollte aus einem armen irischen Vorstadtbengel schon groß werden außer Fußballer oder Gitarrist" , sagte mir Louis Stewart 1996, der zweifellos beste irische Jazzgitarrist und Labelbetreiber (Jardis). Der Satz fiel mir wieder ein, als ich Lorenzo Petrocca wiedersah.

Auch der kennt Armut. Auch er suchte als Youngster sein Heil im Sport, nicht im Kicken - im Ring! Dann wurde aus dem Boxer erst ein schneller und dann ein ausgezeichneter Gitarrist. Lorenzo Petrocca lebt nicht in Dublin, sondern bei Stuttgart. Er kommt nicht aus Irland, sondern aus Süditalien. Und auch er, "Enzo", wie ihn Freunde nennen, hat das Zeug dazu, ein europäischer Top-Gitarrist zu werden; oder er ist's längst.
In Crotone in Kalabrien kommt Enzo 1964 zur Welt, das älteste der sechs Kinder eines Bäckers und Konditors, den die Armut 1979 in den Norden treibt, nach Deutschland. "Es war nicht die Musik, die mich hergebracht hat", verhindert Enzo jede Chance zur Mythenbildung, "sondern das Geld." Er nennt sich "Emigrant". Das klingt irgendwie ulkig.

Gar nicht ulkig ist, dass er jede Arbeit annimmt, die er kriegen kann, dass er Toiletten schrubbt und in Fabriken malocht. Tja, und das Boxen, so meint er (und so kann man es auch auf seiner Website www.petrocca.de lesen), das habe ihm den Wechsel von einer Kultur in die andere leichter gemacht. Er boxt bis zu seinem 24. Lebensjahr und wird noch 1981 Württembergischer Meister seiner Gewichtsklasse.
Wie gesagt, er und fünf Geschwister. Macht sechs. Und immerhin vier Musiker: Enzo, dann der zweitälteste Bruder Franco, der vom E-Bass zur klassischen Gitarre konvertierte, gefolgt von Davide, dem Bassisten, "der auch viel mit Bireli macht", und endlich Antonio ("Toni" ), dem Drummer - eine Band für sich, vermutlich der Traum jedes jazzverrückten Familienva-ters. Mit dem Boxen hört Enzo auf, als ein Freund, selbst Boxer, ihm zeigt, dass man unter Umständen nicht nur boxen, sondern auch Gitarre spielen kann: Der Stones-Fan geht zu Horten und ersteht für 120 sauer verdiente deutsche Mark ein Strat-Kopie: Da ist er 19, eben 20, fängt aber erst Jahre später, mit 24, 25, an, richtig Gitarre zu spielen, erst Fusion, Ritenour, Carlton, so was...

Dann ist er 26, und es passiert: Er bekommt eine George-Benson-Platte geschenkt. "Ich war schockiert, wie jemand die Jazzgitarre, so eine mit di-ckem Körper, die dir nichts verzeiht, so geschmeidig spielen kann. Das war für mich unvorstellbar." Und Benson ist noch immer einer der größten Einflüsse für ihn, neben Pat Martino. Joe Pass. Und dann Wes. "Ich liebe Wes. Ich glaube, erst mal diese drei. Und Pass ist ja auch Italiener", lacht er, "und Martino auch":

Dann "ging's mir erst einmal schlecht". Eigentlich will er aufgeben, "aber da wusste ich auch, woran ich bin,was ich kann. Ein Junge von 25 kann sich nun mal nicht mit George Benson vergleichen, einem der größten Gi-tarristen, die die Welt je gesehen hat." An die 120 Platten von Benson hat er zu Hause, "und von denen sind mindestens 80 nur Jazz. Und er spielt da mit den Größten. Wenn Benson richtig Jazz spielt, dann schnallst du ab. Und Pat Martino ist von George Benson beeinflusst worden, das hab' ich Schwarz auf Weiß. Dass Pat Martino bei Jack McDuff Benson abgelöst hatte, kommt genau da her."

Dem "Kulturschock" folgt die innere Sammlung: "Okay, das willst du ma-chen, das hast du immer gesucht, einen sauberen Sound, eine Gitarre, ein Kabel, einen Verstärker, keine Gimmicks. Das liebe ich nach wie vor. Ich hatte früher ein Effekt-Board mit zwanzig Effekten, furchtbar. Du machst dich furchtbar abhängig davon... Du greifst einen schönen Akkord und hast einen Flanger oder einen Phaser, und du klingst wie auf dem Mond. Aber wenn du normale Gitarre spielst, dann musst du mit den Händen und deinem Inneren, deiner Musikalität den gleichen Effekt erzielen. Und das braucht Erfahrung, Jahre."

Enzo, der kleine, drahtige, alerte Süditaliener, ist Autodidakt. Und wird umgehend "süchtig nach Platten". Die erste - "Breezin'" - aber ist in Wahr-heit gar kein reiner Jazz, eher doch eine Pop-Platte. Erst die nächste Ben-son-Konserve liefert Jazz pur, "aber das hat mir überhaupt nicht gefallen, weil ich bis dahin noch gar nichts zu tun gehabt hatte mit Swing und Jazz." Er legt die Scheibe beiseite und erst ein halbes Jahr später wieder auf den Teller, "und da war's soweit: Ich hab' ich mich in Jazz verliebt." Er sammelt wie besessen Jazzgitarristen, und nach tausend Platten setzt er sich erstmal erschöpft nieder und sortierte "nach Stilen und so weiter, und übrig blieben die vier Gitarristen."